Ein Vintage E-Bass steht neben Verstärkern auf der Bühne

Die bekanntesten Basslinien der 70er: Riffs, Sounds und ihre Geschichte

Die 1970er waren ein Schlüsseljahrzehnt für den E-Bass. Funk, Soul und Disco rückten den Groove ins Zentrum, während Progressive Rock, Punk und Hardrock dem Instrument neue rhythmische und klangliche Aufgaben gaben. Bassisten begleiteten nicht mehr nur Akkordwechsel: Sie entwickelten prägnante Motive, führten durch komplexe Taktarten und prägten den Wiedererkennungswert ganzer Songs.

Viele bekannte Basslinien dieser Epoche funktionieren bis heute, weil sie rhythmische Klarheit mit einer starken musikalischen Idee verbinden. Die folgenden Beispiele zeigen, wie unterschiedlich ein Bassriff aufgebaut sein kann – und was sich daraus für das eigene Spiel lernen lässt.

Warum die 70er das Bassspiel veränderten

In den 60ern hatten Musiker wie James Jamerson und Carol Kaye bereits bewiesen, dass melodisches Bassspiel auch in Popsongs funktioniert. In den 70ern wurde dieser Ansatz weiterentwickelt. Mehrspurtechnik, größere Verstärkeranlagen und ein wachsendes Interesse an tiefen Frequenzen machten den Bass im Mix deutlicher hörbar.

Gleichzeitig entstanden Genres mit eigenen Basssprachen. Funk setzte auf Sechzehntel, Synkopen und kurze Noten. Disco kombinierte oktavierte Figuren mit einem geraden Viertelpuls. Im Progressive Rock wurden ungerade Taktarten und kontrapunktische Linien populär. Punk reduzierte das Material wieder, verlangte dafür aber Energie, Präzision und einen aggressiven Anschlag.

„What’s Going On“ – Marvin Gaye mit James Jamerson

James Jamersons Bassspiel auf Marvin Gayes Album What’s Going On von 1971 gilt als Höhepunkt des Motown-Stils. Statt den Grundton auf jeder Zählzeit zu wiederholen, verbindet Jamerson Akkorde mit chromatischen Durchgangstönen, Synkopen und kleinen melodischen Antworten. Seine Linie wirkt spontan, bleibt aber eng mit Gesang und Schlagzeug verzahnt.

Typisch für Jamerson war ein Fender Precision Bass mit Flatwound-Saiten, hoher Saitenlage und gedämpftem, kräftigem Ton. Viele Noten spielte er mit nur einem Finger der Anschlagshand, dem sogenannten „Hook“. Dadurch entstand ein gleichmäßiger, schwerer Puls ohne moderne Slap- oder Plektrum-Attack.

Praxis-Tipp

Übe zunächst nur Grundton und Quinte. Ergänze danach chromatische Übergänge kurz vor dem Akkordwechsel. Entscheidend ist nicht die Zahl der Noten, sondern ihre Platzierung. Spiele die Figur anschließend mit leicht gedämpften Saiten, um dich Jamersons kompaktem Klang anzunähern.

„Roundabout“ – Yes mit Chris Squire

Mit „Roundabout“ von 1971 etablierte Chris Squire einen der markantesten Basssounds des Progressive Rock. Sein Rickenbacker 4001 klingt hell, drahtig und nahezu gitarrenartig. Plektrumanschlag, kräftige Mitten und die getrennte Verarbeitung der Tonabnehmer sorgten dafür, dass sich der Bass auch neben verzerrten Gitarren, Orgel und Schlagzeug behauptete.

Die Basslinie ist nicht bloß Begleitung. Squire setzt melodische Gegenstimmen, schnelle Läufe und energische Wiederholungen ein. Der Bass übernimmt damit gleichzeitig harmonische, rhythmische und solistische Aufgaben. Für eine Band mit komplexen Arrangements war dieser klar definierte Sound besonders wirkungsvoll.

Praxis-Tipp

Verwende ein hartes Plektrum und schlage möglichst gleichmäßig an. Hebe Hochmitten hervor, reduziere übermäßigen Tiefbass und lasse die Noten bewusst ausklingen. Der charakteristische Eindruck entsteht aus Artikulation und Präsenz, nicht allein durch einen Rickenbacker.

„Money“ – Pink Floyd mit Roger Waters

Das Bassriff von „Money“ aus dem Jahr 1973 gehört zu den bekanntesten Beispielen für eine ungerade Taktart in einem kommerziell erfolgreichen Rocksong. Der Hauptteil steht im 7/4-Takt, klingt durch seine klare Gruppierung jedoch überraschend natürlich. Während des Gitarrensolos wechselt die Band in einen geraden 4/4-Takt.

Roger Waters spielt eine kantige, bluesbasierte Figur mit deutlicher Plektrum-Attack. Pausen sind dabei ebenso wichtig wie die Töne. Das Riff lässt genug Raum für Kasse, Münzgeräusche, Gesang und Gitarre, bleibt aber das zentrale Erkennungsmerkmal des Songs.

Praxis-Tipp

Zähle den Takt zunächst als „vier plus drei“. Spiele das Riff langsam und markiere den Beginn jeder Gruppe. Erst wenn der Ablauf ohne Zögern funktioniert, solltest du das Originaltempo anstreben. So wird die ungerade Taktart körperlich spürbar, statt nur mathematisch gezählt.

„Papa Was a Rollin’ Stone“ – The Temptations mit Bob Babbitt

Bob Babbitts Bassfigur in „Papa Was a Rollin’ Stone“ von 1972 zeigt, wie wirkungsvoll Wiederholung sein kann. Das Motiv verändert sich kaum und trägt dennoch über ein langes, atmosphärisches Arrangement. Der Bass schafft gemeinsam mit Hi-Hat, Gitarre und orchestralen Elementen eine gespannte, beinahe filmische Stimmung.

Die Linie lebt von ihrem dunklen Ton, exakt gesetzten Pausen und einer konsequenten Dynamik. Jede zusätzliche Verzierung würde die hypnotische Wirkung schwächen. Damit steht der Song beispielhaft für den Übergang vom klassischen Motown-Sound zu den ausgedehnteren Soul-Produktionen der 70er.

Praxis-Tipp

Nimm eine kurze Figur auf und wiederhole sie mehrere Minuten. Kontrolliere, ob Notenlänge, Lautstärke und Timing konstant bleiben. Diese Übung ist anspruchsvoller, als sie zunächst wirkt, und verbessert die Verlässlichkeit im Bandkontext erheblich.

„The Real Me“ – The Who mit John Entwistle

Auf „The Real Me“ von 1973 behandelt John Entwistle den Bass fast wie ein Leadinstrument. Schnelle Läufe, weite Sprünge und kraftvolle Fills begleiten den Gesang, ohne den Grundpuls zu verlieren. Das funktioniert, weil Schlagzeuger Keith Moon ebenfalls sehr frei spielt und die Gitarre vergleichsweise viel harmonischen Raum lässt.

Entwistles Soundästhetik wurde in den 70ern durch Fenderbird-Konstruktionen, später Alembic-Bässe, kräftige Verstärker und einen stark mittigen, höhenreichen Ton geprägt. Verzerrung und Saitengeräusche waren keine Fehler, sondern Bestandteile einer bewusst aggressiven Klangsprache.

Praxis-Tipp

Bevor du Fills einsetzt, markiere die wichtigsten Zieltöne jedes Akkords. Beginne und beende Läufe auf diesen Tönen. So bleibt die Harmonie verständlich, auch wenn die Linie rhythmisch und melodisch sehr aktiv wird.

„The Chain“ – Fleetwood Mac mit John McVie

Der berühmte Bass-Einstieg im letzten Teil von „The Chain“ aus dem Jahr 1977 beweist, dass wenige Noten maximale Spannung erzeugen können. John McVie beginnt allein mit einem tiefen, ostinaten Motiv. Nach und nach kommen Schlagzeug und Gitarren hinzu, wodurch das Arrangement stetig größer wird.

Die Wirkung beruht auf Wiederholung, kontrollierter Tonlänge und klanglicher Autorität. McVies warmer, runder Sound unterscheidet sich deutlich von Chris Squires aggressiven Höhen oder Entwistles Verzerrung. Dennoch setzt sich die Linie durch, weil ihr im Arrangement bewusst Platz eingeräumt wird.

Praxis-Tipp

Spiele das Motiv mit Metronom und achte besonders auf die Enden der Noten. Ein sauber kontrollierter Abbruch erzeugt mehr Spannung als ungewolltes Ausklingen. Steigere anschließend die Anschlagsintensität, ohne das Tempo zu beschleunigen.

„Good Times“ – Chic mit Bernard Edwards

Bernard Edwards definierte mit „Good Times“ von 1979 den eleganten Disco-Bass. Die Linie kombiniert Oktaven, Tonleiterbewegungen, Ghost Notes und synkopierte Akzente. Sie ist melodisch einprägsam, bleibt aber fest mit dem geraden Dancefloor-Puls verbunden.

Edwards spielte häufig einen Music Man StingRay und entwickelte eine charakteristische Anschlagstechnik, die als „chucking“ bekannt wurde. Dabei erzeugen Finger und Fingernägel einen perkussiven, präzisen Ton. Die Basslinie wurde kurz darauf zur Grundlage von „Rapper’s Delight“ der Sugarhill Gang und bildete damit eine direkte Verbindung zwischen Disco und frühem Hip-Hop.

Praxis-Tipp

Unterteile jeden Takt in Sechzehntel und markiere zunächst nur die tatsächlich gespielten Akzente. Ergänze Ghost Notes erst später. Ein sauberer Disco-Groove benötigt eine stabile innere Unterteilung; schnelle Finger allein reichen nicht aus.

„September“ – Earth, Wind & Fire mit Verdine White

Verdine Whites Linie in „September“ von 1978 verbindet Funk-Präzision mit der Leichtigkeit eines Popsongs. Der Bass stützt die Harmonie, reagiert auf Bläser und Gesang und erzeugt durch synkopierte Übergänge permanenten Vorwärtsdrang. Trotz der hohen Aktivität wirkt das Ergebnis nie überladen.

Der Klang ist klar, elastisch und mittenreich. Wichtig sind kurze Noten, kontrollierte Dead Notes und ein konsequentes Zusammenspiel mit der Bassdrum. Die Linie zeigt, dass ein funkiger Basspart nicht zwangsläufig dominant sein muss: Er kann komplex sein und trotzdem vollständig im Arrangement aufgehen.

„London Calling“ – The Clash mit Paul Simonon

Am Ende des Jahrzehnts brachte Paul Simonon mit „London Calling“ von 1979 Punk, Reggae-Einflüsse und Rock ’n’ Roll zusammen. Die Basslinie ist melodischer als viele frühe Punkparts und trägt einen großen Teil der düsteren Atmosphäre. Ihr federnder Puls steht im spannenden Gegensatz zum direkten Gitarrenanschlag.

Simonons Precision-Bass-orientierter Sound ist kräftig, leicht rau und stark vom Plektrum geprägt. Das Beispiel verdeutlicht, dass Punkbass nicht nur aus durchgehenden Achteln besteht. Eine einfache Linie kann zugleich melodisch, rhythmisch eigenständig und sofort wiedererkennbar sein.

Was diese bekannten Basslinien gemeinsam haben

So unterschiedlich die Stücke klingen, folgen sie einigen gemeinsamen Prinzipien. Jede Linie besitzt eine klare rhythmische Identität. Pausen und Notenlängen sind bewusst gestaltet. Der Sound unterstützt die musikalische Funktion, statt nur einem technischen Ideal zu entsprechen. Außerdem reagieren alle Bassisten auf das Arrangement: Jamerson verbindet Akkorde, Squire schafft Präsenz, McVie baut Spannung auf und Edwards treibt die Tanzfläche an.

Für einen authentischen 70er-Sound sind Flatwound- oder eingespielte Roundwound-Saiten, kontrollierte Höhen und ein kräftiger Mittenbereich gute Ausgangspunkte. Noch wichtiger bleiben Anschlag, Dämpfung und Dynamik. Ein teures Vintage-Instrument ersetzt weder präzises Timing noch eine überzeugende Phrasierung.

Fazit

Die bekanntesten Basslinien der 70er zeigen die gesamte Bandbreite des Instruments: vom warmen Motown-Fundament über progressive Leadparts bis zum präzisen Disco-Groove. Ihr langfristiger Einfluss beruht nicht auf möglichst vielen Noten, sondern auf starken Motiven, charakteristischem Sound und einer klaren Rolle im Song.

Wer diese Linien lernt, sollte deshalb nicht nur die richtigen Töne kopieren. Analysiere Taktart, Artikulation, Pausen und Zusammenspiel mit dem Schlagzeug. Genau dort liegt der entscheidende Unterschied zwischen einer korrekt gespielten Folge von Noten und einer Basslinie, die einen Song trägt.

Quellen & weiterführende Links

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Häufige Fragen

Legendäre Bassisten wie James Jamerson (Motown), Chris Squire (Yes) und Roger Waters (Pink Floyd) waren Vorreiter des Bassspiels in den 70ern. Sie entwickelten prägnante Motive und rhythmische Konzepte, die bis heute als Vorbilder gelten und zeigen, wie der Bass vom reinen Begleitinstrument zum zentralen Element einer Komposition wurde.

Jamerson spielte einen Fender Precision Bass mit Flatwound-Saiten und nutzte hauptsächlich einen einzelnen Finger (den sogenannten 'Hook') zum Anschlag. Dadurch entstand ein gedämpfter, kräftiger und gleichmäßiger Ton, der durch chromatische Übergänge und Synkopen bereichert wurde, anstatt einfach Grundtöne zu wiederholen.

Das Riff von 'Money' steht im ungewöhnlichen 7/4-Takt, klingt aber trotzdem natürlich und eingängig. Roger Waters kombiniert kantige, bluesbasierte Figuren mit bewusster Plektrum-Attack und strategischen Pausen, was das Riff zu einem der bekanntesten Beispiele für ungerade Taktarten in kommerziellen Rocksongs macht.

Funk setzte auf Sechzehntel, Synkopen und kurze Noten, während Disco oktavierte Figuren mit geraden Viertelpulsen kombinierte. Progressive Rock nutzte ungerade Taktarten und kontrapunktische Linien, und Punk reduzierte das Material auf essenzielle Elemente mit Fokus auf Energie und Präzision.

Der charakteristische Sound entsteht nicht allein durch das Instrument, sondern durch Artikulation und Präsenz: Verwende ein hartes Plektrum, schlage gleichmäßig an, hebe Hochmitten hervor, reduziere übermäßigen Tiefbass und lasse die Noten bewusst ausklingen. Diese Spielweise erzeugt den hellen, drahtigen Sound unabhängig vom verwendeten Bass.

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